{"id":43,"date":"2014-09-14T12:05:00","date_gmt":"2014-09-14T10:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wegdergeschichte.wordpress.com\/?p=43"},"modified":"2015-04-19T20:14:53","modified_gmt":"2015-04-19T18:14:53","slug":"zwangsevakuierung-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wegdergeschichte.de\/?p=43","title":{"rendered":"Zwangsevakuierung (5)"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8222;Wohin werden wir gebracht?&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><em>Eine zwangsevakuierte Familie zwischen Verzweiflung und Bangen<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-314\" src=\"http:\/\/wegdergeschichte.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/tafel_5.jpg\" alt=\"tafel_5\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/wegdergeschichte.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/tafel_5.jpg 1024w, https:\/\/wegdergeschichte.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/tafel_5-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/em>Ich war 14 Jahre alt und konnte mir nicht vorstellen, meine Heimat zu verlassen und alles hinter mir zu lassen. Doch am 3. Oktober 1961 sollte genau das passieren. Gegen 6.30 Uhr weckte mich der Schrei meiner Oma. Ich dachte, einem meiner j\u00fcngeren Geschwister sei etwas passiert. Noch im Nachthemd stie\u00df ich auf meinem Weg nach unten auf einen Volkspolizisten, der mich aufforderte, mich anzuziehen und nach unten in die K\u00fcche zu kommen. In der Zwischenzeit wurde mein Vater beim Arbeiten auf dem Feld abgefangen und nach Hause gebracht. Meine Mutter und Oma waren v\u00f6llig aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Als die ganze Familie in der K\u00fcche versammelt war, verlas ein junger Leutnant ein Schreiben: \u201eIm Zuge der Grenzsicherung werden Sie umgesiedelt&#8230;\u201c. Meine Familie wurde damit Teil einer verdeckten Ma\u00dfnahme, die sp\u00e4ter unter dem Namen \u201eKornblume\u201c bekannt wurde. Schon 1952 erlitten dieses Schicksal meine Gro\u00dfeltern in Siemerode, die dem Umsiedlungsvorhaben \u201eUngeziefer\u201c zum Opfer gefallen waren. Haupts\u00e4chlich mein Vater behielt in dieser Situation die Nerven und fragte, wohin wir denn sollen. Darauf wurde ihm jedoch vorerst keine Antwort gegeben. Danach ging alles sehr schnell. LKWs fuhren vor.<\/p>\n<p>Wir hatten vier Stunden Zeit, um das, was wir mitnehmen wollten, aufzuladen. Die Kampftruppen, die als Verst\u00e4rkung der Volksarmee z.B. bei inneren Unruhen eingesetzt wurden, verteilten sich im ganzen Haus und packten unser Hab und Gut auf den LKW. Nach Ablauf der Zeit mussten wir uns zu unserem \u201eGep\u00e4ck\u201c auf die Ladefl\u00e4che setzen und die Fahrzeugplanen wurden geschlossen. Mein Vater \u00e4u\u00dferte den Wunsch, wenigstens eine Plane offen zu lassen, um einen letzten Blick auf unsere Heimat werfen zu k\u00f6nnen. Alle hatten das Gef\u00fchl, sich doch noch verabschieden zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dieser Wunsch wurde jedoch nicht gestattet. Mit uns wurden zwei weitere Familien aus Kirchgandern und einige weitere aus dem gesamten Eichsfeld umgesiedelt. Nach einiger Zeit hielt der Wagen und die Fahrzeuge aus den verschiedenen Orten wurden zu Konvois zusammengestellt. Hier erfuhren wir zum ersten Mal, dass wir nun in den Landkreis Arnstadt fuhren. Nach einigen Fahrtunterbrechungen erreichten wir gegen Mitternacht Achelst\u00e4dt bei Kranichfeld. Im Haus eines Geschwisterpaares wurden uns drei Zimmer zugeteilt. Die Soldaten der Kampftruppe stellten unsere Betten auf, alle anderen M\u00f6bel wurden in einer Scheune untergestellt. Am n\u00e4chsten Morgen erwartete meine Eltern der ortsans\u00e4ssige LPG-Vorsitzende, um sie f\u00fcr die Arbeit einzuteilen. Er erkl\u00e4rte, dass wir ein Haus bek\u00e4men, das jedoch noch nicht fertig sei. Meine Eltern hatten nicht vor, der LPG beizutreten. Dennoch wurde er an diesem Tag f\u00fcr die Arbeit im Stall und meine Mutter in die Feldbaubrigade eingeteilt.<\/p>\n<p>In meiner neuen Schule lie\u00dfen mich meine neuen Mitsch\u00fcler und Lehrer deutlich sp\u00fcren, dass ihnen unser pl\u00f6tzliches Erscheinen hier sehr suspekt war und wir sicher etwas auf dem Kerbholz haben mussten. Als Katholiken wurden wir zus\u00e4tzlich als \u00e4u\u00dferst exotisch betrachtet. Auch mein im Eichsfeld versprochener EOS-Platz wurde mir, wie alle bisherigen Entscheidungen, unbegr\u00fcndet verwehrt. Besonders schwer fiel es meinem Vater im n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr, nicht wie sein ganzes bisheriges Leben zuvor, die Felder zu bestellen.<\/p>\n<p>Nach Zeiten furchtbarer Wohnzust\u00e4nde borgte sich mein Vater schlie\u00dflich Geld, um ein kleines Haus in Plaue zu kaufen. Nun konnten wir uns allm\u00e4hlich in unsere fremdbestimmte Heimat integrieren. Er trat in den M\u00e4nnerchor ein und leitete die Jugendkommission des Ortes. Nach meinem Schulabschluss erlernte ich nun zun\u00e4chst den Beruf der Kinderkrankenschwester und holte das Abitur sp\u00e4ter nach. In all den Jahren verloren meine Eltern nie ihren Humor, wof\u00fcr ich sie sehr bewunderte.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich waren meine Eltern \u00fcber die Wende sehr gl\u00fccklich und der Entschluss, unser Haus in Kirchgandern zur\u00fcckzugewinnen, stand schnell fest. Allerdings hatten die zwangsevakuierten Familien der DDR im Gegenteil zu den gefl\u00fcchteten Familien zun\u00e4chst keinerlei Anspr\u00fcche. Die Unrechtsbereinigungsgesetze und der unerm\u00fcdliche Einsatz vieler Zwangsevakuierter f\u00fchrten dazu, dass uns 1997 unser fr\u00fcherer Besitz rechtm\u00e4\u00dfig zugesprochen wurde. Leider konnte mein Vater diese gl\u00fcckliche Wendung nicht mehr miterleben.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>&#8230;nachgefragt:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Was war Ihr gr\u00f6\u00dfter Wunsch w\u00e4hrend der Zeit des geteilten Deutschlands?<\/strong><br \/>\nDass die DDR-B\u00fcrger mit ihren Biographien im vereinten Deutschland nicht untergehen und ihr<br \/>\nneu gewonnenes Selbstgef\u00fchl nicht verlieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie positive Erinnerungen an die DDR Zeit?<\/strong><br \/>\nPositiv war f\u00fcr mich die F\u00f6rderung von Kindern aus sozial geschw\u00e4chter Herkunft, die nicht im<br \/>\nZusammenhang mit ideologischem Denken stand.<\/p>\n<p><strong>Als die Mauer fiel, dachte ich &#8230;<\/strong><br \/>\nNat\u00fcrlich \u00fcberwog im ersten Moment die Freude \u00fcber die Freiheitsgef\u00fchle und die M\u00f6glichkeit<br \/>\nder Bewegung ohne Angst. Dennoch wagte man die ersten Schritte in den Westen mit einer<br \/>\ngewissen Vorsicht. Schlie\u00dflich war ich erschrocken, als mir zum ersten Mal das Ausma\u00df des<br \/>\nMauerkonstrukts bewusst wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wohin werden wir gebracht?&#8220; Eine zwangsevakuierte Familie zwischen Verzweiflung und BangenIch war 14 Jahre alt und konnte mir nicht vorstellen, meine Heimat zu verlassen und alles hinter mir zu lassen. Doch am 3. Oktober 1961 sollte genau das passieren. Gegen 6.30 Uhr weckte mich der Schrei meiner Oma. 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